Brasko und der Sonntagsfall




Sonntage eignen sich klassisch dafür, sich Gedanken um seine
vergangenen Lieben zu machen.
Ich sitze am PC mit einem Kasten Bier unter dem Schreibtisch
und überlege, warum ich die Frauen, die ich einmal liebte,
zum Teufel schicken will. Nun, das letzte Mal beging ich
einen Kardinalfehler: Ich verliebte mich in eine Kundin.
Aus dem Sauerland. Frauen aus dem Sauerland sind besonders
heimtückisch. Wie Wölfinnen im Schafspelz. Ich erinnere mich,
als wäre es gestern gewesen, als ich die E-Mail von Rita erhielt.
„Guten Tag, Mr.Brasko,
ich suche einen Mann. Es ist der Mann, in den ich mich unsterblich
verliebte. Leider brach er den Kontakt zu mir ab. Ich bin völlig
verzweifelt. Bitte helfen Sie mir ...“
Ich glaube, es war auch ein Sonntag, und ich langweilte und ärgerte
mich mit schweren Gedanken an eine Frau aus der Schweiz.
Ein Auftrag würde mich ablenken. Ich nahm mir eine Flasche Bier
aus dem Kasten und rief Rita an.

„Mr. Brasko, schön, daß Sie sich melden.“
„Kommen wir gleich zur Sache, Lady. Meine Zeit ist bemessen.
Gerade Sonntags. Also, wen suchen sie und warum?“
„Meine große Liebe. Ich lernte Winfried im Internet kennen.
Und vom ersten Moment fühlte ich mich zu ihm hingezogen.
Wie Zucker zu Zimt. Verstehen Sie?“
„Und nun ist er weg?“
„Ja, er meldet sich einfach nicht mehr bei mir. Sie müssen mir
helfen.“
„Rita, ich glaube, das ist Ihre Privatsache. Wozu brauchen
Sie mich?“
„Mr. Brasko, Sie sollen Winfried finden und herausbringen,
warum er schweigt. Ich will mir ihm gegenüber keine Blöße geben.“
„Okay, Rita. Noch eine Frage: Wieso engagieren Sie nicht jemanden
aus ihrer Gegend?“

Sie erzählte mir, daß Winfried in meiner Nähe wohnte. Außerdem
kannte sie lediglich seine Mail-Adresse. Ich gab ihr meine Bank-
verbindung und sagte, daß ich mit meiner Arbeit begänne, sobald
die erste Zahlung eingegangen wäre.
Wie es aussah, roch das nach leichtverdientem Geld. Ich hatte
Winfrieds Mailadresse und wußte, daß Rita ihn in einem Literatur-
forum kennen gelernt hatte. Mein Plan bestand darin, mich in dem
Forum anzumelden und mich unauffällig an diesen Winfried
heranzumachen.
Wahrscheinlich der typische Fall von Internetmaniacs. Die würden
sich in ihre eigenen Großeltern verlieben, ohne es zu merken.
Ich hatte das Gefühl, daß ich nicht der einzige Blödjan auf dieser
Welt war. Nicht das schlechteste Gefühl an einem Sonntagnach-
mittag. Ich dachte immer noch an die letzte Liebe und
bekam Magenweh, wenn in meiner Umgebung Schweizer
Dialekt gesprochen wurde.


Das Forum hieß „Leselupe“. Ich meldete mich als Brasko an.
Winfried war als Winfried drin. Er schrieb nicht schlecht.
Ein Witzbold. Er machte auf eloquent und allwissend.
Ich hatte seine Masche ziemlich schnell durchschaut.
Es dauerte gar nicht lange, daß er auch Interesse an meiner
Person zeigte. Schließlich bin ich literarisch eine Naturbegabung.
Da er in meiner Umgebung wohnte, vereinbarten wir ein Treffen.
Ich dachte mir die „Sonderbar“ in der Heidelberger Altstadt aus.
Das Bier war dort billig, und ich fühle mich wohl unter Verlierern.
Winfried war vor mir da. Um die Fünfzig, schütteres Haar.
Als Altfreak ging er durch. Ich erkannte ihn sogleich vom Photo
aus seinem Profil.
„Hi, Winfried“, sagte ich.
„Hi, Brasko“, sagte er.
Ich bestellte ein Bier. Neben uns die ganze Riege der Verlierer:
Vom Punk bis zum alternden Psycho im Selbstgespräch.
Winfried trank Cola-Light. Wie ich schnell rauskriegte, war er
Anti-Alkoholiker, und er meinte dazu:
„Brasko, die Frauen stehen nicht auf Alkis. Das ist dein Pech.“
Stimmt“, erwiderte ich, „das ist in der Tat mein Pech.“
Nach einer Weile spürte ich, daß er sich gerne berühren ließ.
Ich rückte ihm auf den Pelz, und er fing an, aus dem Nähkästchen
zu plaudern. Er bezeichnete sich selbst als Boarderliner.
Vielleicht war das auf seine Pflegertätigkeit in der Psychiatrie
zurückzuführen. Danach entwickelte er sich zum Macho, wie
er mir erzählte, er gewann die nötige Gefühlskälte.
In meinen Augen war Winfried gar nicht gefühlskalt.
„Brasko, wir gehen nach Südamerika!“, sagte er euphorisch,
„dort liegen dir die Frauen zu Füßen ... ich will nicht mehr zu
den Verlierern gehören!“
„Und was ist mit den Frauen hier? Mit Rita?“
Winfrieds Gesicht verdunkelte sich kurz. Doch dann skandierte
er locker:
„Rita ist erstens verheiratet,
zweitens sterilisiert.
Ihre Figur begnadet,
und hat einen Arsch, auf den jedermann
giert.“
„Das hört sich gut an.“
Winfried zuckte mit den Schultern. Er trank sein drittes
Cola-Light und ich mein drittes Bier. Ich dachte, ich hätte
genug erfahren.
„Weißt du, Brasko“, sagte er noch, „ich mische mich nicht
gerne in ein laufendes Verfahren ein.“

Eine Woche später rief ich Rita an, um mit ihr meine
Ermittlungsergebnisse zu besprechen. Es war wieder ein
Sonntag. Der Kasten Bier zu meinen Füßen war mir zur
Gewohnheit geworden.
Ich verabredete mit ihr ein Date in Köln, um die Lady auch
mal zu Gesicht zu bekommen.
Solange ich Bier hatte, musste ich nichts befürchten.


Es war ein verwegener Gedanke, endlich mal aus dem Haus
zu kommen. Die Schweiz rückte in immer größere Ferne.

Ich holte Rita vom Bahnhof ab. Der Kölner Dom ragte wie
eine schwarze Nadel in den Himmel. Zu seinen Füßen roch
es nach Bratwurst und Zucker und Zimt.
In einer Schwulenkneipe fanden wir die Gemütlichkeit, die wir
brauchten. Irgendwie erinnerte mich Rita an eine Kaffeebohne.
Ihr Hals war giraffenartig. Ihre Stimme wie Schmirgelpapier.
Ihre Augen braun und gutmütig.
Ich hatte mich ziemlich schnell in sie verliebt.
Ich trank ein Kölsch nach dem anderen und fragte:
„Was hat Winfried, was ich nicht habe?“
Sie entgegnete: „Brasko, was haben sie herausgefunden?“
Ich sagte: „Er ist ein Boarderliner, ein Macho, ein Arschloch.
Er spielt mit den Menschen. Er ist ein Vollidiot. Ein Irrer.“
„Und warum meldet er sich nicht mehr bei mir?“
„Das ist das Beste. Er will keine Ehe kaputt machen ...“
„Mr. Brasko, das wußte ich längst alles. Sie sollten mir das
nur bestätigen. Danke.“
Ich schaute sie an und verstand nichts.
„Rita, wo wir jetzt schon mal hier sind, warum machen wir uns
nicht einen schönen Abend?“
Sie sagte: „Ja.“

Rita war eine geile, weiße Kaffeebohne mit ultralangen Beinen.
Ich hatte den besten Fick seit langem. Am nächsten Tag begleitete
ich sie zum Bahnhof. Als ihr Zug kam, fasste sie mir in den
Schritt. „Wir bleiben Freunde“, sagte sie. Und ich lächelte mein
Idiotenlächeln. Ich hatte mich in eine Kundin verliebt.
Moritz Bleibtreu lief an uns vorbei, bevor sie einstieg.
Ich schaute auf die Uhr. Eine Schweizer Uhr. Rita winkte.
Ich hasse Sonntage.




23.01.2005

ich (Gast) - 18.01.2011 18:17

und die schweizeruhr läuft natürlich nicht mehr...

bonanzaMARGOT - 18.01.2011 18:20

uhren wechsele ich nicht so schnell.
ich (Gast) - 18.01.2011 18:24

ich meinte es als metapher.

bonanzaMARGOT - 18.01.2011 18:33

...
ich (Gast) - 18.01.2011 19:40

ja, wortlos bleibt man oft im leben.

bonanzaMARGOT - 19.01.2011 07:15

ich schrieb die geschichte 2005, bevor wir uns kennenlernten.
ich (Gast) - 19.01.2011 20:16

ich sehe

prosaGEDICHTE

... die Nacht ist gut für die Tinte, der Tag druckt die Seiten ...

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