Menschliches, Allzumenschliches


(Aphorismen 102, 106, 109 als Gespräch
verdichtet, auszugsweise und leicht abgewandelt.)




Nietzsche:
Wir klagen die Natur nicht an, wenn sie uns Feuer
unter den Arsch macht: Warum nennen wir den
„Schädling Mensch“ unmoralisch?

Ich:
Weil wir hier einen willkürlich waltenden und freien
Willen, dort Notwendigkeit sehen ...

Nietzsche:
Diese Unterscheidung beruht auf einem Irrtum.
Man tötet eine Mücke unbedenklich mit Absicht,
bloß weil ihr Gesumme nervt. Wir strafen den
Verbrecher absichtlich, fügen ihm Leid zu, um
uns und die Gesellschaft zu schützen. Alle Moral
lässt absichtliches Schädigen bei „Notwehr“
gelten. Diese Gesichtspunkte genügen, um alle
bösen Handlungen gegen Menschen, von
Menschen ausgeübt, zu erklären. Man will für
sich Lust oder will Unlust abwehren. Das Motiv
ist simpel: Selbsterhaltung.

Sokrates und Plato:
Was auch immer der Mensch tue, er tut immer
das Gute, das heißt: was ihm gut (nützlich) scheint,
je nach dem Grade seines Intellekts, dem jeweiligen
Maße seiner Vernünftigkeit.

Ich:
Dann folgt, dass das Gute eine Erfindung des
Menschen sei. Wie auch die Bosheit.

Nietzsche:
Es ist alles eine Frage der Lust.

Schopenhauer:
Solange du dich nicht am Schaden anderer ergötzt
und belustigst.

Nietzsche:
Halt die Klappe, Moralapostel!

Ich:
Hey, ihr großen Philosophen, ich dachte, ich könnte
was von euch lernen ...

Sokrates:
Moment, ich muss mit meinem Hund Gassi.

Plato:
Hört uns jemand zu?

Nietzsche:
Fahren wir fort: Beim Anblick eines Wasserfalls
meinen wir in den zahllosen Biegungen, Schlängelungen,
Brechungen der Wellen Freiheit des Willens und
Beliebigkeit zu sehen; aber alles ist notwendig, jede
Bewegung mathematisch auszurechnen. So ist es
auch bei den menschlichen Handlungen; man müsste
jede einzelne Handlung vorher ausrechnen können,
wenn man allwissend wäre, ebenso jeden Fortschritt
der Erkenntnis, jeden Irrtum, jede Bosheit.
Der Handelnde selbst steckt freilich in der Illusion
der Willkür; wenn in einem Augenblick das Rad der
Welt still stände und ein allwissender, rechnender
Verstand da wäre, um diese Pause zu nutzen, so
könnte er bis in die fernsten Zeiten die Zukunft
jedes Wesens weitererzählen und jede Spur
bezeichnen, auf der jenes Rad noch rollen wird.
Die Täuschung des Handelnden über sich, die
Annahme des freien Willens, gehört mit hinein in
diesen auszurechnenden Mechanismus.

Ich klatsche Beifall:
Leider bringt uns das nicht weiter, weil wir nun mal
nicht allwissend sind. Schöne Aphorismen, um die
eigene Denkmaschine zu ölen.

Nietzsche:
Wegen mir. Ich widme meine Aphorismen den
freien Geistern dieser Welt.

Byron hat ein passendes Schlusswort:
Sorrow is knowledge: they who know the most
Must mourn the deepest o`er the fatal truth,
The tree of knowledge is not that of life.





(2006)

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