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der riese onassis




neben mir stand ein riese
ich reichte ihm gerade mal bis zur hüfte
er war schwarz und trug einen maßgeschneiderten
sommeranzug, seine gewaltigen füße steckten
in sandalen
„die habe ich mir selbst gemacht“, grinste er mir
aus den wolken zu
sein gesicht war offen und gutmütig, soweit ich
das aus meiner perspektive beurteilen konnte
ich wollte keine dämlichen fragen stellen in der
art: wie ist die luft da oben? ich fragte:
„was macht man, wenn man so groß ist?“
„man ist einsam“, sagte er. seine stimme hallte
wie aus einer fabrikhalle.
„da bist du nicht allein.“ langsam bekam ich
nackenschmerzen. „wie heißt du?“
„onassis. nenne mich onassis“, lachte der schwarze
riese neben mir, dass mir schwindlig wurde
„und wie nennst du dich, kleiner mensch?“
„diego“, gab ich zurück, „ich schreibe
prosagedichte.“ unwillkürlich streckte ich ihm
die hand entgegen, was lächerlich aussah
der riese sackte in die knie. mein arm verschwand
bis zum ellenbogen in seiner pranke. komischerweise
empfand ich keine angst. wir hatten jetzt blickkontakt
„diego, du bist auch einsam?“ fragte er beinahe
zärtlich, immer noch meine hand haltend, „obwohl
du klein bist?“ ich sah deutlich die verwunderung
auf seinem gesicht
ich hätte dem riesen gerne geantwortet, dass einsamkeit
ein los des dichters sei, eine selbst gewählte einsamkeit
ein schwermütiger geist, der die tragik des daseins
erkennt, ein mit dem leben hadernder geist, der
ewig allein bleibt, etc., aber ich brachte nichts von dem
über die lippen
„willst du vielleicht so groß sein wie ich? groß wie
onassis?“ er ließ meinen arm los und richtete sich
demonstrativ auf. mechanisch hob ich den blick
ich stand neben einem riesen. ich war nicht allein
ich war nie allein gewesen. ich wusste gar nicht, was
allein-sein heißt

diese erfahrung hatte mich onassis, der riese, gelehrt




01.06.2002 09:20 von margot

AmarettazuBlaue - 05.10.2007 15:59

Nicht mehr allein

Schöne, beruhigende Erfahrung: einsam ist man nie allein :))
Außerdem gefällt mir die Erzählweise sehr!
Gruß von Amaretta

bonanzaMARGOT - 05.10.2007 16:03

danke amaretta,

wir reden zu oft über unsere selbstempfundene einsamkeit und verlieren den blick für die maßstäbe.

bon.

Frau Sue - 30.09.2008 00:17

Die Einsamkeit

... ist nie einsam.

Die Einsamkeit findet immer Reisende, die damit glücklich werden.
bonanzaMARGOT - 30.09.2008 10:52

hallo frau sue,

ich habe oft das gefühl, dass sich gar nichts bewegt, als säße ich im transsibirien-express ..., der auf irgendeinem gottverlassenen bahnhof in der pampa hält, und niemand weiß, wann`s weiter geht.
Elisabetta1 - 02.10.2008 13:57

allein sein - einsam sein

allein sein, finde ich manchesmal als sehr erbaulich, gibt es mir doch die gelegenheit , in mich zu gehen, mich auszuloten, meine seele
durchatmen zu lassen.
einsam sein - davor haette ich angst, vor allem wenn sich melancholie dazugesellt.
ich frage mich aber auch, ob *einsamkeit* nicht zu einem grossen teil selbstbestimmt/selbstschuld ist. mann/frau muss bekannt- und freundschaften pflegen, es gibt in dieser hinsicht keine einbahnstrassen, wo nehmende permanent aufmerksamkeit und zuspruch fordern und die gebenden nur aus den eigenen,inneren kraeften schoepfen duerfen.

bonanzaMARGOT - 02.10.2008 14:18

allein sein

wollen wir oft ganz bewußt, um, wie du es sagst, in diesem allein-sein kraft, ruhe und besinnung zu schöpfen.

einsamkeit hat in meinen augen krankheitscharakter.
da ist das allein-sein nicht gewollt sondern beinahe ein fluch. ich wäre vorsichtig mit schuldzuweisungen nach dem sinn, dass man ja nicht einsam sein müsse, wenn man seine sozialen kontakte besser gepflegt hätte. es gibt eben menschen, die sich schwer tun mit anderen menschen, und die sehen sich oft sehr schnell ausgegrenzt aus der gemeinschaft.
Elisabetta1 - 02.10.2008 14:31

da wuerde ich aber schon ...

... noch eine unterteilung einbringen.
krankheitsbedingte einsamkeit ist ueberhaupt das schrecklichste und damit meine ich jene menschen, die aufgrund ihrer krankheit ( bettlaegerigkeit , depressionen etc. ) den kontakt zur aussenwelt *fast* verloren haben.
ich habe aber in meinem umfeld menschen ( noch bekannte der eltern) die auf grund ihrer geistigen und koerperlichen faehigkeiten, sehr wohl die moeglichkeit haetten, freundschaften zu pflegen. deren innere einstellung zu geld ( extreme sparsamkeit im alter ) laesst sie weder telefonischen kontak aufrecht erhalten, noch ein oeffentliches verkehrsmittel (taxi) benuetzen , sondern nur zu jammern, wie einsam sie doch seien.
da kostet es manchesmal wirklich ueberwindung, weiterhin so zu tun ( und auf grund ihres alters tue ich es auch ) als sei die welt noch absolut in ordnung und IHR wille geschehe. ;-)

bonanzaMARGOT - 02.10.2008 14:42

ganz klar

dass einsamkeit in ihren ursachen sehr differenziert zu sehen ist.
wenn sie aber als krankheit, also als erfahrenes leid, zuschlägt, ist es für den betroffenen ziemlich das gleiche.
man sollte da ganz individuell auf den menschen eingehen. bei dem bettlägerigen muss man sich überlegen, wie man seine kommunikationsmöglichkeiten verbessert; und den starrsinnigen kann man versuchen, aus der reserve zu locken, und vorallem darf man ihn nicht noch in seinem selbstmitleid bestärken.
wie meist lassen sich körperliche defizite leichter ausgleichen als psychische. ein mensch, der nicht will, will halt nicht.
da muß man dann manchmal sagen: es gibt menschen, die wollen leiden, die sind in ihr leid, in ihre krankheit verliebt, und an die kommt man nur ganz schwer ran.
das gilt z.b. auch für den komplex der suchtkranken.

einsamkeit ist womöglich auch eine form der sucht. die sucht nach liebe, gebraucht-werden? gleichzeitig die selbstzerstörerische verweigerung ...
SehnsuchtistmeineFarbe - 23.12.2008 19:43

Lieber bonanzaMargot,

Dein Gedicht gefällt mir. Der ehrliche, einsame Riese, der kleine, der sich seines Glücks nicht bewusst ist. Und wie die zwei zusammen passen und gehören. Alles Gute für Dich. Schöne Feiertage!
LG
Sehnsuchtistmeinefarbe

bonanzaMARGOT - 23.12.2008 20:39

dein besuch ist eine schöne überraschung

der mensch ist riese und gnom in einer person - jedenfalls geistig.

ich weiß nicht, was ich lieber bin.

danke für deine guten wünsche, sehnsuchtistmeinefarbe.

dir auch alles alles gute.

bon.

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