wartezimmer




mich kotzt diese wartezimmeratmosphäre in unserer welt an.
der unterschied zu herkömmlichen wartezimmern ist, dass
keiner so schnell drankommen will. die wenigsten haben
einen festen termin. es ist kein zufall, dass die sprechstunden-
hilfen des todes sehr verführerisch ausschauen. sie wippen
in ihren weißen kitteln an uns vorbei, und charmant bedeuten
sie dem nächsten, wo er sich zur letzten ruhe betten soll.
ich schaue den wippenden pobacken hinterher und denke,
dass ich noch lange nicht drankomme – was sich allerdings
nur zu schnell als irrtum herausstellen könnte.
irgendwo in der endlosen reihe der wartenden steht der auf-
gerufene auf und folgt seiner wichsvorlage ins grab.
als ich klein war, war ich mir des ortes meines daseins
keinesfalls bewusst. ich glaubte noch an das „onkel-doktor-
spiel“, und der doktor hatte einen langen, weißen bart und
schaute gütig. nun, nach 35 jahren habe ich alle illustrierten
vom stapel mehrmals ausgelesen. ich gucke mir nur noch
die bilder an. der bart ist ab. „das kapital“ ist ätzende
pflichtlektüre im wartezimer, und manche mögen glauben,
dass sie sich eine längere wartezeit erkaufen können – durch
bestechung. ich wünsche mir nur eine „bestechung“, denke
ich, nippe an meiner bottle bier und träume prallen, weißen
popos hinterher.
ist doch irgendwie paradox, dass das, worauf man(n) am
spitzesten ist, gerade wieder ein neues menschenkind zu
tage fördern könnte, welches sich sofort in die schlange
der wartenden einreiht. „was macht ihr alle nur?“ fragt
das neue menschenkind, und ich antworte: „wir schlafen
den vorschlaf vorm ganz großen schlaf, mein kind ...
und dabei träumen wir unsere erfüllten und unerfüllten
wünsche.“
puuuh, ich blättere mit schweißiger hand weiter.
ich begreife es einfach nicht, was „leben“ heißt. ich gehe
in den hungerstreik . verdammt! ich habe das gefühl, dass
ich noch lange nicht dran bin.




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