Mein Erwachen ist der Schlaf




das Leben ist ein Albtraum
ich wache jeden Morgen in ihm auf
es ist immer der eine wiederkehrende Traum
spätestens beim Blick in den Spiegel
weiß ich: Und ewig grüßt das Murmeltier
alles kommt mir sehr bekannt vor
der Nachbar, der sein Auto spazieren fährt
der Ausblick in den Garten
im Fernsehen die Nachrichtensprecher
die bloß ihre Gesichter austauschen
sie reden von Katastrophen, Verbrechen
und Verkehrstoten
es sind nicht dieselben Toten wie gestern
und doch sind sie sich gleich
die Bomben, die gesprengt werden
und die eingesammelten Leichenteile
in meinem Albtraum
ich kenne den Traum nicht bis ins Detail
aber alles kommt mir bekannt vor, wenn ich
es sehe
die Einkäufer im Supermarkt
das Geplärr der Kinder
ältere Damen, die ihre Dackel ausführen
ich schaue auf meine Arme, Beine, Füße
auch das gehört zu meinem Albtraum
manchmal fühle ich mich weit weg von mir
und wundere mich, wie ich es schaffe, daß ich
mich bewege
sicher ist es mehr ein Taumeln
im Licht
und ich wünsche mir, daß die Sonne ihre Bahn
verlässt
in Schlangenlinien den Himmel durchkreuzt
und daß die Autos auf den Dächern fahren
oder die Dackel die Damen ausführen
doch es bleibt derselbe Albtraum
mit den Masken der Menschen
wuselig im Bett der Zeit
wie eine Ameisenarmee
mein Erwachen ist der Schlaf
seit vielen Jahren habe ich denselben Traum
er änderte sich
fast unmerklich
ich glaube, er wurde mit der Zeit kürzer
eines Tages wird er nicht mehr kommen
was ich mir kaum vorstellen kann
vielleicht schreibe ich deshalb Gedichte
um den Traum festzuhalten
das Vergessen hat schon angefangen
ich löse mich langsam auf vor dem Spiegel
die Konturen verschwimmen
zuletzt die Tränen
ohne Körper

mein Erwachen ist der Schlaf




17.01.2005 13:00 von bonanza

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