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Mein Pferd




Ich will vorausschicken, dass ich
mich mit Pferden
überhaupt nicht auskenne.
Aber ich erkenne eins, wenn es vor mir steht.
Weder mein Pferd noch meine Phantasie
kümmerte meine Unkenntnis.
Mein Pferd sagte mir:
"Du wirst 178 Tage brauchen, um ein
Neuer Mensch zu werden,
vorausgesetzt ein Zentimeter von dir
wächst jeden Tag nach."
Lange lag ich in dieser Nacht wach,
beziehungsweise wähnte mich wach,
und dachte über die
Pferdeweisheit nach.
Der Morgen dämmerte bereits, und
die Straßenbahn fuhr regelmäßig
mit Getöse
aber unsichtbar durch das Schlafzimmer;
während ich meinem Pferd
abwechselnd
das Gesicht meiner Freundin gab
und das eines Mathematiklehrers aus einem
früheren Leben -
ich war inzwischen schon dutzende Male
nachgewachsen.
War mein Pferd überhaupt ein Pferd?
Warum stellte ich -es- mir als Pferd vor?
Ich war weder wach,
noch schlief ich.
Wie beruhigendes Meeresrauschen
hörte ich das Atmen meiner Freundin neben
mir in den Kissen.
Mein Geist wurde mir selbst zur Bühne,
und ich flutete mal mehr und mal weniger hinein
in das seltsame Schauspiel meiner
Phantasie.
Das Pferd, das ich noch immer als mein Pferd ansah,
flog mit silbernen Adlerschwingen über den
Morgenhimmel.
Ich befand mich in meinem ganz eigenen Theater,
grotesk und unwiederholbar
mit einem Pferd als Hauptperson.
Als ich wacher wurde, verblasste
die Vorstellung langsam.
Gegen Ende sagte mein Pferd noch einen Satz,
der mir im Gedächtnis haften blieb und mich
nachhaltig beschäftigt:
"Ein Gedicht ist nur dann ein echtes Gedicht,
wenn es -so- noch keiner geschrieben hat."
Und ich erwiderte:
"Dann gibt es gar nicht so viele echte Gedichte -
das macht es überschaubarer, oder?"
Nachdem ich an diesem Morgen
unwiederbringlich
aufwachte,
wünschte ich mir,
nicht nur jeden Tag einen Zentimeter nachzuwachsen,
sondern zudem
echte
Neue
Gedichte, wenn möglich,
aus meiner Feder.




08.08.2008

virago - 10.08.2008 18:27

Was du immer

für Fantasien hast - erstaunlich! Träumst du sowas wirklich? Mist, ich kann mich an meine verrückten Träume meistens nicht gut genug erinnern, um sie aufzuschreiben, und Gedichte draus machen kann ich schon gar nicht.


Hier stolpere ich:

Nachdem ich an diesem Morgen
unwiederbringlich
aufwachte,


Das "unwiederbringlich" bezieht sich doch auf den Schlaf und nicht auf das Aufwachen. Da funzt was nicht so ganz.

Den Schluss würde ich an deiner Stelle ändern, er klingt für mich irgendwie unbeholfen. Schade um das Gedicht, das mir als Ganzes sonst gut gefällt!

bonanzaMARGOT - 12.08.2008 19:00

hi virago,

danke für deine kritischen anmerkungen.

mit "unwiederbringlich aufwachte" meinte ich, dass ich nun wirklich wach wurde, also nicht mehr in diesen gedichte-traum zurückglitt.
wie würdest du es formulieren?

an dem schluß feilte ich tatsächlich etwas herum.
vorher lautete er so:

" ... wollte ich
nicht nur jeden Tag einen Zentimeter nachwachsen,
sondern auch weiterhin
echte
Neue
Gedichte schreiben."

besser? auch für den schluß bitte ich um vorschläge.


gruß
bon.
virago - 12.08.2008 20:22

Wie wäre "unwiderruflich" statt "unwiederbringlich"?
Ich glaube, dein ursprünglicher Schluss gefällt mir besser, aber er befriedigt mich auch nicht so ganz. Liegt möglicherweise daran, dass ich Gedichte übers Gedichteschreiben meistens etwas peinlich finde... hmm. Mir gefiele es glaub ich am besten ohne diesen Schluss, aber - es ist DEIN Gedicht.

Stell dir vor: letzte Nacht träumte ich, dass irgendein Oberlehrer mir eine Vortrag über die korrekte Anzahl der Auslassungspunkte hielt. Soweit ich mich erinnere ging es um eine kurze Mail, deren Inhalt der Adressat total okay fand, aber dann .... regte er sich seitenweise über ein überzähliges Pünktchen auf. Abstrus, nicht?

Tschuldige, hat natürlich mit deinem Gedicht nix zu tun, es fiel mir nur grad ein. Himmel, ich hoffe, ich werde nie zu so einer Oberlehrerin!
bonanzaMARGOT - 13.08.2008 19:27

hi,

dann lieber unwiederbringlich als unwiderruflich.

was den schluß angeht, muß ich auf eine eingebung warten ...

träume interpretiert man am besten für sich selbst.
natürlich sind die szenerien oft sehr merkwürdig, skurril.

die welt ist voller oberlehrer, die sich wichtig tun, indem sie sich an kleinigkeiten hochziehn.
es gibt aber auch den korinthenkacker in reinkultur.

bon.
Meral (Gast) - 12.08.2008 13:55

Du schreibst auch im Traum Gedichte.

Was man sagt, Dichter träumen von Gedichten...

Es ist schöner geworden als du mir erähltest.


Lieben Gruss.

bonanzaMARGOT - 12.08.2008 19:02

hallo liebe meral,

das gedicht ist nicht identisch mit meinem gedichte-traum. im traum war es noch viel besser! aber etwas davon rettete ich herüber in die realität.

gruß
bon.

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