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Mein Pferd




Ich will vorausschicken, dass ich
mich mit Pferden
überhaupt nicht auskenne.
Aber ich erkenne eins, wenn es vor mir steht.
Weder mein Pferd noch meine Phantasie
kümmerte meine Unkenntnis.
Mein Pferd sagte mir:
"Du wirst 178 Tage brauchen, um ein
Neuer Mensch zu werden,
vorausgesetzt ein Zentimeter von dir
wächst jeden Tag nach."
Lange lag ich in dieser Nacht wach,
beziehungsweise wähnte mich wach,
und dachte über die
Pferdeweisheit nach.
Der Morgen dämmerte bereits, und
die Straßenbahn fuhr regelmäßig
mit Getöse
aber unsichtbar durch das Schlafzimmer;
während ich meinem Pferd
abwechselnd
das Gesicht meiner Freundin gab
und das eines Mathematiklehrers aus einem
früheren Leben -
ich war inzwischen schon dutzende Male
nachgewachsen.
War mein Pferd überhaupt ein Pferd?
Warum stellte ich -es- mir als Pferd vor?
Ich war weder wach,
noch schlief ich.
Wie beruhigendes Meeresrauschen
hörte ich das Atmen meiner Freundin neben
mir in den Kissen.
Mein Geist wurde mir selbst zur Bühne,
und ich flutete mal mehr und mal weniger hinein
in das seltsame Schauspiel meiner
Phantasie.
Das Pferd, das ich noch immer als mein Pferd ansah,
flog mit silbernen Adlerschwingen über den
Morgenhimmel.
Ich befand mich in meinem ganz eigenen Theater,
grotesk und unwiederholbar
mit einem Pferd als Hauptperson.
Als ich wacher wurde, verblasste
die Vorstellung langsam.
Gegen Ende sagte mein Pferd noch einen Satz,
der mir im Gedächtnis haften blieb und mich
nachhaltig beschäftigt:
"Ein Gedicht ist nur dann ein echtes Gedicht,
wenn es -so- noch keiner geschrieben hat."
Und ich erwiderte:
"Dann gibt es gar nicht so viele echte Gedichte -
das macht es überschaubarer, oder?"
Nachdem ich an diesem Morgen
unwiederbringlich
aufwachte,
wünschte ich mir,
nicht nur jeden Tag einen Zentimeter nachzuwachsen,
sondern zudem
echte
Neue
Gedichte, wenn möglich,
aus meiner Feder.




08.08.2008

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