Mein Kreuz




Einst war ich klein und rund, ich hatte zum Atmen und Essen einen Mund.
Wenn ich Hunger hatte, schrie ich.
Ich war so doof wie eine Kuh, drum war eines der ersten Worte, das ich sprach
"Muh!".

Mit jedem Bissen wuchs ich in die Höhe.
Bald kam ich in die Erste Klasse und spielte Fangen in der Gasse.
Und ich aß und aß.
Längst konnte ich laufen und mir eigene Dinge kaufen, da fing ich an zu saufen.
Ich schrie vor Hungerschmerz
im Herzen.
Von nun an galt ich als Erwachsen, was hieß: man leistet sich besser keine Faxen.
Gefragt wurde man ja nicht.
Mit Dreißig hatte ich mein halbes Leben versoffen und hörte auf zu hoffen.
Ich hatte mein Kreuz
gefunden.

Einst war ich klein und rund. Ich hatte zum Atmen und Essen einen Mund.
Wenn ich Hunger hatte, schrie ich.
Ich war so doof wie eine Kuh, drum war eines der ersten Worte, das ich sprach
"Muh!".

Die Fünfzig mache ich noch voll, wenn`s geht ohne all zu viel Groll.
Ich schreie nur noch leise.
Demut lehrte mich das Leben - doch zu spät, ich stehe vor den Scherben.
Noch ein paar Runden ...
werde ich laufen, mir Dinge kaufen und weiter saufen.
Der Hungerschmerz im Herzen
ist noch da.
Ich konnte ihn nicht stillen, ich verlor längst die Kontrolle - den eigenen Willen.
Obwohl, gefragt wurde man ja nicht.
Es ist vorbei, längst vorbei - alles, was geschah, ist einerlei.
---

Einst war ich klein und rund, ich hatte zum Atmen und Essen einen Mund.
Wenn ich Hunger hatte, schrie ich.
Ich war so doof wie eine Kuh, drum war eines der ersten Worte, das ich sprach
"Muh!".





(12.04.09)

sehnsuchtistmeinefarbe (Gast) - 12.04.2009 14:43

lieber bon,

ist das autobiographisch, oder eine "stellvertretergeschichte"? ein sehr eindringliches dokument einer befindlichkeit...das mal vorab.
lg s.

bonanzaMARGOT - 12.04.2009 14:50

sehnsucht,

was meinst du mit "stellvertretergeschichte"?

so viel autobiografie ist in dem gedicht nicht drin - dazu ist es zu verdichtet und allgemein gehalten.

als dichter lehne ich mich natürlich immer an meinen empfindungen an, also auch an meinen ganz persönlichen empfindungen und lebenserfahrungen.

warum findest du es eindrucksvoll?
bonanzaMARGOT - 12.04.2009 15:06

ach so (klick!), das ist keine stellvertretergeschichte. jedenfalls für niemand bestimmten.

(entschuldige, werde im alter und durch den alk ziemlich langsam in kapito.)
sehnsuchtistmeinefarbe (Gast) - 12.04.2009 22:02

du zeichnest hier relativ knapp ein recht dramatisches und tragisches bild eines lebens. reduziert auf wenige, "starke" momente... der text berührt (mich) in seiner tragik...

zwei dinge würde ich rauslassen, und zwar: Ich hatte mein Kreuz
gefunden.
und
Mein Kreuz.

das braucht es nicht. es ist durch die überschrift klar, worum es geht. die wiederholung schwächt den text für mein verständnis. durch das, was danach und davor geschildert wird, ist es eben schon klar.
dass dein lyrisches ich so einen fatalistischen tunnelblick hat... ist sehr traurig. :-(
hungerschmerz ist ein sehr gut gewähltes wort.
lg
s.

bonanzaMARGOT - 13.04.2009 01:25

danke für die konstruktiven anmerkungen - da könnte was dran sein.
SehnsuchtistmeineFarbe - 14.04.2009 13:21

woran konkret

könnte was dran sein?
bonanzaMARGOT - 14.04.2009 13:35

nun, ich löschte das "mein kreuz" in der vorletzten strophe.
war a little bit viel "kreuz" - da hattest du recht.
SehnsuchtistmeineFarbe - 14.04.2009 13:50

ah, okay. :-)

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