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Fleisch frisst Fleisch




Ich wachte des Nachts auf
In Phönix lief eine Dokumentation über Kannibalismus
Es war die Stunde, die zeitlos ist
Sie schilderten Fälle von Schiffsbrüchigen
im 19. Jahrhundert
und von Japanern im 2. Weltkrieg
Sie zogen Hölzchen
Sie aßen ihre Kriegsgefangenen
Ich schlief halb
Ich überlegte mir, was es bedeutete, einen Kameraden zu schlachten
um zu überleben
Die Nacht ist niemals ganz schwarz
Wenn man das Fleisch wenigstens braten kann
Die Schiffbrüchigen aßen es roh
in einer Wanne voll Blut
Das Blut rettete sie vor dem Verdursten
Sie schälten das Fleisch von den Knochen
und trockneten es in der Sonne
Die Japaner schlachteten die Kriegsgefangenen bei
lebendigem Leib
So verdarb der Rest nicht, falls die Gequälten die Nacht überlebten
Dann wurden sie ausgenommen und die Innereien gekocht
Nein, ich bekam davon keine Albträume
was mich im Nachhinein wundert
Ich erinnere mich jetzt an diese Stunde des nächtlichen Wachliegens
als wäre sie selbst ein Traum

Fressen und gefressen werden
Was bin ich in der Natur, im Überlebenskampf, mehr als ein Brocken Fleisch?
Hier sitze ich in meinem Saft
Wer frisst mich?
Nein, ich meine nicht abartige Menschen wie der Kannibale
von Rotenburg
oder die literarische Figur Hannibal Lecter
Hinter welchem Gebüsch lauert das Raubtier mit den scharfen Zähnen
das mich reißt?
Es ist tagheller Tag
Der Himmel ist blass-grau wie der ganze November
Es gibt keinen Schutz
Das Fleisch schmiegt sich an die Knochen
rosig durchblutet
von Nerven durchdrungen
Nicht übel, denke ich, als ich mir meine Hände und Unterarme anschaue
meine Unterschenkel
Ziemlich üppiges Hähnchen, denke ich

Seit langem lasse ich mal wieder Nirvana laufen
und schwelge in ihrer furiosen
Rockmusik
Wahnsinn
Das Leben ist Wahnsinn
Die Kunst besteht darin, nicht gefressen zu werden




25.11.08





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