was ist mit mir




und so geht es weiter:
die kirsche fällt nicht weit vom kern
gestern wurde ich gegen die schweinegrippe geimpft
in der nacht bekam ich gliederschmerzen
und meine temperatur stieg auf 38°C
nebenbei wechselte ich windeln im altenheim
ich agierte wie ein empfindsamer roboter
da waren nur ich und der kettenrauchende mann, der
künstlich ernährt wird
ich schrecke hoch, wenn ich das rasseln des infusionsständers
höre, an dem seine
sondennahrung hängt
als ich das rasseln hörte, schreckte ich also hoch und
lief ihm mit vier zigaretten aus seinem reservoir entgegen
wir sollen für ihn die zigaretten verwalten
ich sagte zu ihm:
"vier"
er nahm die glimmstengel entgegen
blieb noch ein paar momente stehen und kratzte wieder
die kurve richtung seiner unterkunft
manchmal überrascht mich dieser mann mit fragen
wie:
"besuchst du deine eltern?"
ich reagiere verlegen
verliere ein paar sätze über mich
die er sich merkt
ein paar wochen später stellt er mir dann
diese relativ persönlichen
fragen
und so geht es weiter, und der mond hängt an der erde
die erde an der sonne
und die sonne an der milchstrasse
dieser mann hängt am infusionsständer, weil er vor vielen jahren beschloss
nichts mehr zu essen
außer joghurt

am frühen morgen schaltete ich die kaffeemaschine ein
und schob die brötchenbleche in den konvektomat
ich kontrollierte noch mal die zimmer
eigentlich ist das universum ziemlich langweilig, dachte ich
die wiederholungen höhlen einen total aus
tag für tag
und nacht für nacht
wäre da nicht dieser rest menschlicher beziehung
der wie ein taschenofen
mein herz wärmt



(07.11.09)

testsiegerin - 07.11.2009 17:02

diesen text finde ich wunderschön.
er berührt mich.

bonanzaMARGOT - 07.11.2009 17:22

danke für deine spontane antwort.
Freni (Gast) - 08.11.2009 10:33

Gibt es ein Mensch den du liebst?

bonanzaMARGOT - 08.11.2009 11:38

hallo freni

ich liebe mehr als einen menschen.

wie kommst du auf die frage?
Freni (Gast) - 08.11.2009 14:16

du schreibst:
"wäre da nicht dieser rest menschlicher beziehung
der wie ein taschenofen
mein herz wärmt"

wenn es mehr als ein Mensch ist, den du liebst dann müßte es aus meiner sicht heißen:
"wäre da nicht dieser rest menschlicher beziehung
die wie ein taschenofen
mein herz wärmen"

so wie du es schreibst, liegt die betonung auf "der rest" und das gefällt mir nicht. menschen die man liebt bzw. von denen man geliebt wird als rest zu bezeichnen finde ich menschenverachtend. außerdem lese ich da einen gewissen egoismus heraus, der nicht so ganz untypisch für dich ist. deshalb habe ich gefragt, ob es menschen gibt, die du liebst.

bonanzaMARGOT - 08.11.2009 16:10

Freni, wie kommst du darauf nach dem wenigen Sich Kennen ausschließlich im Internet, ich wäre egoistisch?
Da geht, glaube ich, deine Vorstellungskraft mit dir durch.
Ebenso fehlinterpretierst du meine Formulierung im Gedicht.
Es geht mir um die vielen kleinen Momente und Zeichen zwischen Menschen, die mir gerade in der Einsamkeit der Nachtdienste helfen ...
testsiegerin - 09.11.2009 09:10

ich kann keinen egoismus in dem gedicht feststellen.
nur einsamkeit. die einsamkeit der nachtdienste, die einsamkeit des alten mannes, die einsamkeit des protagonisten.

ich hab auch nicht das gefühl, dass hier menschen als "rest" bezeichnet werden, sondern bedauert wird, dass die menschlichen beziehungen, die unser herz wärmen können, in der gesellschaft immer weniger werden.
bonanzaMARGOT - 09.11.2009 11:04

ja testsiegerin, so wollte ich es verstanden wissen. danke.
creature - 08.11.2009 23:36

das dieser mann bei euch seine zigaretten bekommt finde ich einfach grandios, menschlich.
er hat sicher sonst nichts, keinen sex, keine streicheleinheiten, keinen geschmack ausser seine zigaretten.
viele sehen das vielleicht nicht so, aber es ist das beste was man für ihn tun kann, ist meine meinung!

bonanzaMARGOT - 09.11.2009 11:03

hallo creature - die zigaretten kauft ihm seine schwester. der mann hat aber eine finanz- und gesundheitsbetreuung, die uns auferlegt, für ihn seine zigaretten zu verwalten. also kommt er tag und nacht mit dem infusionsständer aus dem zimmer (das scheppert dann wie bei einem kettensträfling), wenn seine ration aufgeraucht ist und fragt nach neuen zigaretten.
Freni (Gast) - 09.11.2009 06:04

Auch wenn du es als Fehlinterpretation darstellst, aus deinen Gedichten lese ich oft Egoismus heraus.

@creature
sicher bekommt bonanzamargot bald das bundesverdienstkreuz, für das reichen von 4 zigaretten an einen alten Mann.

bonanzaMARGOT - 09.11.2009 11:09

und ich finde dich ziemlich giftig - und das aus mir unerfindlichen gründen - freni.
natürlich darf jeder meine gedichte auslegen, wie er/sie will.
ich halte es aber per se für problematisch von gedichten/kunstwerken auf den charakter des künstlers zu schließen.

ich fände es nicht schlecht, wenn langgediente pflegekräfte eine ehrung wie das bundesverdienstkreuz erhielten.
Freni (Gast) - 09.11.2009 15:15

Du hast von Anfang an meine Interpretation als Fehlinterpretation abgestempelt. Also erübrigt sich jede Diskussion.

bonanzaMARGOT - 09.11.2009 15:34

wenn du meinst - auch wenn ich aus deinem verhalten nicht schlau werde. ich stempelte überhaupt nichts ab, allerdings erschien mir von anfang deine reaktion auf das gedicht leicht suspekt.
Ambrosia - 09.11.2009 19:00

Ich empfinde das Gedicht genau so wie *Testsiegerin*...
Sehr einfühlsame Worte.
Ich hoffe, du hast inzwischen die Nebenwirkungen der Impfung gut überstanden, bon.

bonanzaMARGOT - 10.11.2009 15:12

den tag nach der impfung fühlte ich mich ziemlich groggy. ich hatte auch etwas fieber.
danach wurde es schnell wieder normal beschissen.
wie heute. ich fühle mich wie das wetter.

danke der nachfrage, ambrosia.

gruß
bon.
fata morgana - 10.11.2009 18:51

"normal beschissen" den ausdruck muss ich mir merken,
gefällt mir sehr ! ;-)
bonanzaMARGOT - 10.11.2009 18:59

...

Normal beschissen ist noch relativ gut.
fata morgana - 10.11.2009 19:04

ja, da stimme ich dir zu ! *lach
bonanzaMARGOT - 10.11.2009 19:16

Wenn einem der Körper nicht schmerzt, schmerzen die Ängste und Befürchtungen. Wenn ich richtig grippekrank bin, kann ich komischerweise den seelischen Schmerz verdrängen. Andersherum funktioniert es nicht.
Darum ist wahrscheinlich Sport eine gute Kompensation für seelischen Schmerz. Bis zu einem gewissen Maß.
Trinken ist z.B. eine Art organischer Sport ..., mindestens für Leber und Herz. Ach ja, mein Herz ...
Ambrosia - 11.11.2009 10:20

soso, du bezeichnest also Trinken als Sport... ;-)))
bonanzaMARGOT - 11.11.2009 10:54

morgen ambrosia

sagt man nicht landläufig: sport ist mord? da ist viel wahres dran.
Ambrosia - 11.11.2009 12:56

Es ist halt wie mit allem - allein die Dosis macht's.

Liebe Grüße! :-)
bonanzaMARGOT - 11.11.2009 13:10

die dosis - aber wie langweilig wäre das leben, wenn wir die dosis immer einhalten würden - oder?
bonanzaMARGOT - 11.11.2009 13:15

vielleicht auch wieder `ne frage der dosis, wie sehr wir die dosis überschreiten ...
Ambrosia - 11.11.2009 19:49

hmm...

Das mit der Langeweile ist so 'ne Sache. Ich denke, Langeweile kann auch bei *Überdosierung* auftreten. Andererseits kann das Leben recht spannend sein für einen selbst, auch wenn der äußere Anschein dem zu widersprechen scheint.

bon: "vielleicht auch wieder `ne frage der dosis, wie sehr wir die dosis überschreiten ..."

lach... ja, so ist es wohl.. ;-)

LG, Ambrosia
bonanzaMARGOT - 12.11.2009 13:04

langeweile ist ausdruck der eigenen unruhe bei gleichzeitigem unvermögen.
eigentlich müsste allen menschen langweilig sein.
aber viele umgehen dieses unangenehme gefühl einfach, indem sie sinnloses tun.
Ambrosia - 12.11.2009 19:05

zu 1)Es wäre schon mal ein guter Anfang, zu hinterfragen, woher diese "Unruhe" kommt.
zu 2)Ich denke, es gibt schon ein ein paar "Außenseiter", denen es niemals langweilig wird... ;-)
bonanzaMARGOT - 13.11.2009 14:21

hi ambrosia,
diese "unruhe" hat viel mit den fragen des lebens zu tun, mit der getriebenheit (worüber wir auch auf sehnsuchts blog diskutierten) und mit den lebensängsten, den zweifeln, dem selbstwertgefühl ...

ich lernte einige leute kennen, die von sich sagten, langeweile wäre ihnen fremd, allein ich konnte ihnen nicht so ganz glauben.
für mich gehört langeweile wie andere eher unangenehme gefühle, die auf- und abtauchen, selbstverständlich zum gefühle-haushalt.
Ambrosia - 14.11.2009 17:30

Hallo bon,

"Unruhe" hat auch mit den Erwartungen an das Leben zu tun.
Das "Lebensziel" wäre demnach Zufriedenheit, womit ich jedoch
keine tote Selbstzufriedenheit meine.
bonanzaMARGOT - 16.11.2009 12:49

die erwartungen an das leben ...
welch weites feld, ambrosia.
zufriedenheit - das sagt schon das wort, heißt nichts anderes, als dass wir im frieden mit uns und der welt sind.
von mir aus, dürfen wir alle zufrieden sein. aber da draußen gibt es eine menge arschlöcher, die das ständig verhindern, die unfrieden stiften, und die mit ihren lügen und ihrer heuchelei die atmosphäre verpesten.

die eigene zufriedenheit muss auch die zufriedenheit unseres mitmenschen beinhalten. leider ist dieser grundsatz nicht so einfach umzusetzen.
Ambrosia - 17.11.2009 16:36

Ja, da geb ich dir recht, bon. Die Frage ist halt nur, wo ziehe ich die Grenze zwischen 'meiner' Zufriedenheit und die der Mitmenschen?

lg, A.
bonanzaMARGOT - 17.11.2009 17:45

wir sind mensch, dass wir keine harten grenzen ziehen, sondern uns spielraum einräumen: nämlich im sinne von toleranz und respekt.
es ist auch ein ständiges abwägen bei gegenseitigem kennenlernen und kommunikation.
vernunftbegabt, wie wir sind, sind wir bemüht, mißverständnisse wieder gerade zu rücken und außerdem stets selbstkritisch gegenüber unseren eigenen einstellungen und handlungen zu sein. es ist die kunst, dabei nicht zum phrasendrescher (wie z.b. manche politiker, diakone u.ä.) abzurutschen, oder in ziellose beliebigkeiten ...

ich stelle z.b. an meine mitmenschen nie zu hohe ansprüche ...
Ambrosia - 19.11.2009 17:08

ja bon, was für eine Welt, wenn das jeder so sehen und leben könnte.
:-)
bonanzaMARGOT - 20.11.2009 11:42

guten morgen - äh - mittag, ambrosia,
in dieser welt gäbe es noch genug probleme, an denen die menschen ihren ehrgeiz abarbeiten könnten.
jedenfalls wäre es eine welt mit mehr hoffnung für zukünftige generationen, mit weniger hunger und krieg und weniger unterschied zwischen arm und reich.
es gäbe insgesamt mehr gerechtigkeit und freiheit, und die menschen gingen achtsamer mit ihresgleichen und der umwelt um.
aber wie gesagt, auch diese welt wäre nicht perfekt. denn eines der entscheidenden probleme des menschen ist ja gerade sein perfektionismus, der über das ziel hinaus schießt und unmenschlichkeit erzeugt.
Ambrosia - 21.11.2009 20:13

Ergo: Eine perfekte Welt = Utopie, solange es perfektionistische Menschen gibt, oder?
bonanzaMARGOT - 22.11.2009 11:23

utopien können für gedankenspiele ganz nett sein.
einige utopien haben wir bereits eingeholt, zumindest in technischer hinsicht. und auch die "wiedervereinigung" war ja für die meisten utopisch.
nach erreichen der utopie merkt man schnell, dass die welt deswegen nicht besser geworden ist.
man kann die schnittmuster noch so ändern, wenn der garn kratzig ist, wird auch der pullover kratzig, ganz egal wie schön er einen nach außen hin kleidet.
menschen neigen dazu, einiges an unbequemlichkeiten in kauf zu nehmen, nur um nach außen schön, gut, besonders zu erscheinen. menschen machen sich da einiges selbst vor und verstricken sich dann in selbstlügen und auch in manch perfektionistische vorstellung. da aber beinahe alle menschen dahingehend ähnlich sind, bleibt kritik selten und unverstanden.
meine utopie wäre ein erkenntnissprung der menschheit, wonach der mensch die dinge endlich wirklich global und für alle gerecht sehen würde - und vorallem dringend daraus lehren zöge. manche behaupten, 2012 würde die menschheit sozusagen eines besseren belehrt, und ein neues zeitalter begänne ...
von mir aus, sage ich da nur, nette gedankenspielerei.

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